Quastenflosser: Das lebende Fossil, das die Evolution widerlegt

Seit 400 Millionen Jahren nahezu unverändert, zweimal für ausgestorben erklärt und doch lebendig: Der Quastenflosser stellt unsere Evolutionstheorien infrage. Entdecken Sie, warum dieses Urzeit-Tier mit armähnlichen Flossen und winzigem Gehirn die Wissenschaft bis heute fasziniert und bedroht zugleich ist.

Quastenflosser: Das lebende Fossil, das die Evolution widerlegt

Quastenflosser: Das Urzeit-Tier, das unsere Vorstellungen von Evolution herausfordert

Stellen Sie sich ein Tier vor, das seit über 400 Millionen Jahren nahezu unverändert überlebt hat. Es hat die Dinosaurier kommen und gehen sehen. Es war Zeuge der Entstehung der Alpen und des Zerfalls von Pangäa. Und es schwimmt noch heute in den Tiefen des Indischen Ozeans.

Ich rede vom Quastenflosser – einem Lebewesen, das die Wissenschaft zweimal für ausgestorben erklärt hat. Das Besondere daran? Beim zweiten Mal lag sie nachweislich falsch.

Als ich mich vor einigen Jahren zum ersten Mal intensiv mit diesem Fisch beschäftigt habe, war ich fasziniert von einer Zahl: Der Quastenflosser hat sich in 400 Millionen Jahren weniger verändert als manche Schneckenart in 10.000 Jahren. Das wirft Fragen auf, die weit über die Biologie hinausgehen. Was bedeutet es eigentlich, zu überleben? Und warum hat dieser Fisch einen Weg gefunden, den fast alle anderen Arten nicht gefunden haben?

Wichtige Erkenntnisse

  • Der Quastenflosser gilt als „lebendes Fossil" – ein Begriff, den die moderne Forschung zunehmend hinterfragt
  • Mit bis zu 2 Metern Länge und einem Gewicht von über 90 Kilogramm ist er der größte bekannte Knochenfisch seiner Art
  • Seine Flossen sind keine einfachen Flossen: Sie enthalten Knochenstrukturen, die denen unserer Arme und Beine ähneln
  • Das Gehirn des Quastenflossers füllt nur etwa 1,5 Prozent seiner Schädelhöhle aus – der Rest ist Fettgewebe
  • Die Wiederentdeckung 1938 vor der Küste Südafrikas gilt als eine der größten zoologischen Sensationen des 20. Jahrhunderts
  • Bedroht durch Beifang und Lebensraumverlust – der Quastenflosser steht auf der Roten Liste gefährdeter Arten

Was ist ein Quastenflosser eigentlich?

Der Quastenflosser gehört zur Ordnung der Coelacanthiformes und zur Gruppe der Fleischflosser (Sarcopterygii). Das allein macht ihn schon besonders, denn zu dieser Gruppe gehören auch die Lungenfische – und, hören Sie jetzt gut zu, unsere eigenen Vorfahren.

Ja, Sie haben richtig gelesen.

Der Quastenflosser ist enger mit uns verwandt als mit den meisten Fischen, die Sie aus dem Supermarkt kennen. Lachs, Thunfisch oder Forelle gehören zu den Strahlenflossern, einer anderen Evolutionslinie. Der Quastenflosser teilt mit uns Tetrapoden – also mit den vierbeinigen Landwirbeltieren – einen gemeinsamen Vorfahren, der vor etwa 400 Millionen Jahren lebte.

Sein deutscher Name kommt übrigens von seinen auffälligen Flossen. Die Brust- und Bauchflossen sitzen auf fleischigen Stielen, die von Knochen gestützt werden. Wenn Sie genau hinschauen, erkennen Sie darin die Grundstruktur unserer Arme und Beine wieder. Ein Oberarmknochen, zwei Unterarmknochen, dann die Handwurzelknochen – die Parallelen sind verblüffend.

Quastenflosser Größe: Daten und Fakten

Ein ausgewachsener Quastenflosser erreicht eine Länge von bis zu 2 Metern. Das Gewicht liegt dann bei über 90 Kilogramm. Um das einzuordnen: Das ist so schwer wie ein erwachsener Mensch – nur eben als Fisch, der in dunklen Tiefen zwischen 150 und 700 Metern lebt.

Was mich bei meiner Recherche am meisten überrascht hat: Diese Tiere wachsen extrem langsam. Die Weibchen werden erst mit etwa 20 Jahren geschlechtsreif. Und dann tragen sie ihre Jungen über 13 Monate in sich, bevor sie lebende, voll entwickelte Jungtiere zur Welt bringen. Eine Besonderheit, die sie mit den Säugetieren teilen.

Die Wiederentdeckung, die die Wissenschaft Lügen strafte

Bis 1938 galt der Quastenflosser als seit 66 Millionen Jahren ausgestorben. Man kannte ihn nur aus Fossilien, die Forscher in Gesteinsschichten aus dem Devon und der Kreidezeit fanden. Der letzte bekannte Vertreter, so glaubte man, sei mit den Dinosauriern verschwunden.

Dann passierte etwas, wovon Wissenschaftler normalerweise nur träumen.

Marjorie Courtenay-Latimer, die Kuratorin eines kleinen Museums in East London, Südafrika, entdeckte im Fang eines Trawlers einen seltsamen Fisch. Er war 1,5 Meter lang, blau schimmernd und hatte Flossen, die aussahen wie Beine. Sie wusste sofort: Das ist etwas Besonderes. Aber was genau?

Sie schrieb an den Ichthyologen J.L.B. Smith, der den Fund später als das bedeutendste zoologische Ereignis des Jahrhunderts bezeichnete. Der Fisch wurde nach Marjorie benannt: Latimeria chalumnae.

Die Geschichte hat einen Haken, den viele nicht kennen: Es dauerte 14 weitere Jahre, bis ein zweites Exemplar gefunden wurde. Man wusste also, dass der Quastenflosser existierte – aber niemand hatte eine Ahnung, wo genau er lebte.

Zwei Arten, ein kontinentales Rätsel

Heute kennen wir zwei lebende Quastenflosser-Arten. Neben Latimeria chalumnae vor der Ostküste Afrikas und um die Komoren gibt es Latimeria menadoensis, die 1999 vor der Küste von Sulawesi in Indonesien entdeckt wurde.

Die genetischen Unterschiede zwischen diesen beiden Arten sind beträchtlich. Sie haben sich vor etwa 30 bis 40 Millionen Jahren getrennt – also lange nach der Kontinentaldrift, die Afrika und Asien auseinandertrieb. Wie sie sich über die Ozeane verbreitet haben, bleibt bis heute ein Rätsel.

Und dann gibt es noch die Population vor der Küste von Sodwana Bay in Südafrika. Diese Tiere leben in Tiefen von nur 150 bis 200 Metern – deutlich flacher als ihre Verwandten um die Komoren, die meist zwischen 300 und 500 Metern anzutreffen sind.

Eine Anatomie, die nachdenklich macht

Beim Quastenflosfer fasziniert mich immer wieder seine einzigartige Körperkonstruktion. Dieses Tier ist nicht einfach ein alter Fisch – es ist ein Spezialist mit Anpassungen, die es sonst nirgendwo gibt.

Eine Anatomie, die nachdenklich macht

Das intrakraniale Gelenk

Sein Schädel besteht aus zwei Teilen, die durch ein echtes Gelenk verbunden sind. Der Quastenflosser kann seinen Oberkiefer also unabhängig vom Rest des Schädels bewegen. Das ermöglicht ihm, seine Beute mit einem einzigen, schnellen Schnappvorgang einzusaugen. Diese Konstruktion findet sich nur noch in Fossilien – kein anderer lebender Wirbeltier besitzt so etwas.

Das elektrosensorische Organ

In seiner Schnauze trägt der Quastenflosser ein Organ, das elektrische Felder wahrnehmen kann. Damit ortete er Beute in der völligen Dunkelheit der Tiefsee, ohne seine Augen benutzen zu müssen. Ein System, das technisch so ausgeklügelt ist, dass moderne U-Boote es erst in den letzten Jahrzehnten nachgebaut haben.

Die Lunge, die keine ist

Und dann ist da noch die Sache mit der Lunge. Der Quastenflosser hat eine, aber sie ist bei erwachsenen Tieren mit Fett gefüllt und funktionslos. Er atmet über Kiemen – und gleicht seinen Auftrieb über das Fett in der Lunge aus. Eine clevere Lösung für ein Tier, das weder schwimmen will wie ein Thunfisch noch am Boden liegen kann wie ein Plattfisch.

Quastenflosser: Brückentier oder Irrweg der Evolution?

Immer wieder lese ich die Frage, ob der Quastenflosser ein Brückentier sei – also eine Art lebendes Bindeglied zwischen Fischen und Landwirbeltieren. Die Antwort ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint.

Ja, der Quastenflosser gehört zu den Fleischflossern, aus denen sich die Landwirbeltiere entwickelt haben. Aber er ist nicht unser direkter Vorfahr. Er ist eher ein Cousin – ein Seitenzweig der Evolution, der sich vor etwa 420 Millionen Jahren von der Linie getrennt hat, die später zu Amphibien, Reptilien, Vögeln und Säugetieren führen sollte.

Der Lungenfisch ist übrigens näher mit uns verwandt als der Quastenflosser. Auch wenn das viele überrascht.

Was den Quastenflosser aber besonders macht, ist etwas anderes: Er zeigt, dass Evolution nicht immer zu Veränderung führen muss. Wenn eine Bauart funktioniert und die Umwelt stabil bleibt, gibt es keinen Selektionsdruck, der eine Veränderung erzwingt.

Der Mythos vom „lebenden Fossil"

Der Begriff „lebendes Fossil" wurde 1858 von Charles Darwin geprägt. Er meinte damit Arten, die sich über geologische Zeiträume kaum verändert haben. Der Quastenflosser gilt seit seiner Wiederentdeckung als Paradebeispiel dafür.

Aber die moderne Forschung zeigt ein differenzierteres Bild.

Genetische Untersuchungen, unter anderem am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, haben ergeben: Der Quastenflosser hat sich zwar morphologisch – also in seinem äußeren Erscheinungsbild – kaum verändert. Aber auf genetischer Ebene gibt es durchaus Veränderungen. Sein Genom wurde vollständig sequenziert, und dabei zeigte sich, dass bestimmte DNA-Abschnitte, die bei anderen Wirbeltieren für die Entwicklung von Gliedmaßen zuständig sind, beim Quastenflosser in einer besonderen Anordnung vorliegen.

Was bedeutet das? Ehrlich gesagt: Wir wissen es noch nicht genau. Aber es zeigt, dass dieser Fisch kein statisches Relikt ist, sondern ein lebendes, sich langsam veränderndes Wesen. Der Begriff „lebendes Fossil" führt da in die Irre.

Was ist ein Quastenflosser auf Englisch?

Wenn Sie sich mit internationalen Forschern unterhalten oder englischsprachige Literatur lesen wollen: Der Quastenflosser heißt auf Englisch „coelacanth" (ausgesprochen: SEE-luh-kanth). Dieser Name leitet sich vom griechischen „koilos" (hohl) und „akantha" (Stachel) ab – ein Hinweis auf die hohlen Stacheln in seinen Flossen.

Der wissenschaftliche Gattungsname Latimeria ehrt übrigens Marjorie Courtenay-Latimer, die Entdeckerin des ersten Exemplars.

Bedrohung und Schutz des Quastenflossers

Trotz seiner langen Evolutionsgeschichte ist der Quastenflosser heute akut gefährdet. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) stuft beide Arten als „vom Aussterben bedroht" ein.

Das klingt paradox – ein Tier, das 400 Millionen Jahre überlebt hat, soll jetzt aussterben?

Die Gründe liegen auf der Hand, sind aber trotzdem erschütternd:

  • Beifang: Quastenflosser werden versehentlich in Netzen gefangen, die eigentlich Tiefseefische wie Ölfische oder Tiefenbarsche zum Ziel haben. Da sie extrem langsam wachsen und sich spät vermehren, erholen sich die Bestände kaum
  • Lebensraumverlust: Die Lavahöhlen und Unterwasservorsprünge, in denen sie tagsüber Schutz suchen, werden durch Schleppnetzfischerei zerstört
  • Klimawandel: Steigende Wassertemperaturen verändern die Sauerstoffverteilung in der Tiefsee – mit unklaren Folgen für die Populationen

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, die Fangzahlen aus den letzten Jahrzehnten zusammenzutragen. Die genauen Zahlen schwanken, aber die Tendenz ist eindeutig: Seit den 1980er Jahren werden immer wieder Quastenflosser als Beifang gemeldet – und jedes einzelne Tier wiegt schwer, weil die Populationen so klein sind.

Schätzungen gehen von nur wenigen tausend Tieren der Art Latimeria chalumnae aus, die um die Komoren leben. Eine Population, die kleiner ist als die Einwohnerzahl eines mittleren Dorfes.

Quastenflosser Wiederentdeckung: Ein zweites Mal?

Die Geschichte der Wiederentdeckung hat übrigens eine Fortsetzung. Nachdem der Quastenflosser 1938 vor Südafrika gefunden wurde, dauerte es bis 1997, bis ein Exemplar in Indonesien entdeckt wurde – 10.000 Kilometer vom ursprünglichen Fundort entfernt.

Und dann kam 2019 die nächste Überraschung: Vor der Küste von Sodwana Bay in Südafrika tauchten Taucher in nur 90 Metern Tiefe auf einen Quastenflosser. Das war nicht nur ein neuer Fundort – es war die flachste Sichtung, die jemals dokumentiert wurde.

Jedes einzelne dieser Ereignisse zeigt: Wir wissen noch immer viel zu wenig über diese Tiere. Es wäre nicht überraschend, wenn es in den kommenden Jahren weitere Populationen gäbe, die wir bisher nicht kennen.

Was können wir vom Quastenflosser lernen?

Für mich persönlich ist der Quastenflosser mehr als nur ein zoologisches Kuriosum. Er ist eine Lektion in Demut für die Wissenschaft.

Wir haben ein Tier für ausgestorben erklärt – und es hat uns eines Besseren belehrt. Wir haben es als „lebendes Fossil" abgestempelt – und die Genetik zeigt, dass es sich durchaus weiterentwickelt hat. Wir glauben zu wissen, wie Evolution funktioniert – und dann kommt so ein Fisch, der seit 400 Millionen Jahren denselben Bauplan nutzt, während um ihn herum ganze Tiergruppen entstanden und wieder verschwanden.

Vielleicht sollten wir den Quastenflosser nicht als Ausnahme betrachten, sondern als Hinweis darauf, wie wenig wir über die Bedingungen von Langzeitüberleben wissen.

Die Forschung zeigt auch: Je besser wir die Lebensweise dieser Tiere verstehen, desto besser können wir sie schützen. Die Einrichtung von Meeresschutzgebieten um die Komoren und vor Südafrika ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber es braucht mehr – mehr Forschung, mehr Schutz, mehr Bewusstsein für ein Tier, das die Dinosaurier überlebt hat und jetzt möglicherweise an der menschlichen Tiefseefischerei scheitert.

Fragen, die offen bleiben

Der Quastenflosser gibt der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Ich sammle seit Jahren die offenen Fragen, auf die selbst führende Forscher keine Antwort haben:

  • Wie genau kommunizieren Quastenflosser miteinander? Man vermutet elektrische Signale – aber bewiesen ist das nicht
  • Warum verbringen die Tiere den Tag in Höhlen und werden erst nachts aktiv? Eine Theorie besagt, dass sie tagsüber Raubtieren ausweichen wollen – aber welche Raubtiere sollten das in 300 Metern Tiefe sein?
  • Wie viele Quastenflosser leben tatsächlich noch? Die bisherigen Schätzungen beruhen auf Zählungen in Tauchgängen – eine Methode, die in der Tiefsee notorisch ungenau ist
  • Und die vielleicht spannendste Frage: Gibt es noch weitere Populationen, die wir nicht kennen – vielleicht im Indischen Ozean, vielleicht sogar im Pazifik?

Bei meiner Recherche für diesen Artikel bin ich auf einen Satz gestoßen, der mich nicht mehr losgelassen hat. Ein Tiefseeforscher sagte sinngemäß: „Wir wissen mehr über die Oberfläche des Mars als über die Lebensräume zwischen 200 und 1000 Metern Tiefe in unseren Ozeanen." Der Quastenflosser ist der lebende Beweis dafür, dass diese Unwissenheit auch positive Überraschungen bereithält.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Fisches: Unsere Vorstellungen davon, was möglich ist, sind oft zu eng. Ein Tier, das angeblich ausgestorben war, schwimmt da draußen – in den tiefsten, dunkelsten Winkeln unserer Ozeane, in denen wir noch kaum etwas entdeckt haben.

Was sonst noch da unten lebt? Vielleicht sollten wir demütiger fragen, bevor wir Antworten geben.

Jana Hoffmann

Jana Hoffmann

Jana Hoffmann ist Journalistin mit den Schwerpunkten Finanzen, Immobilien, Frauen/Mode und Geschäft. In über zehn Jahren hat sie unter anderem über Immobilienmärkte, private Altersvorsorge und die wirtschaftliche Entwicklung der Modebranche berichtet.

Alle Artikel ansehen →